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Ammenmärchen und Binsenwahrheiten

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Ammenmärchen und Binsenwahrheiten

Beitragvon atrox » 03.06.2006, 03:36

Hallo zusammen!

Die meisten dürften es mittlerweile irgendwo mal gelesen haben: ich arbeite in einer Wildtierstation und das gerne.
Nun, aber wärend meiner Arbeit hier und dem Kontakt mit dem Durchschnitts-Tierfinder werde ich auch immer wieder mit falschen Weisheiten und dem Unwissen der Menschen in punkto Naturschutz konfrontiert. Leider scheinen sich neue Erkenntnisse nur sehr schwerfällig durchzusetzen. Deswegen eröffne ich hier einfach mal einen Thread, der mit immer wiederkehrenden Halbwahrheiten und Ammenmärchen zur Tierwelt (und allgemein Natur)aufräumt. Diese werde ich aus meinen Begegnungen mit Findern zusammentragen, oder ihr habt ähnliche Dinge zu berichten oder fragt, wo ihr euch nicht sicher seit. Vielleicht findet sich jemand, der dann was genaueres weiß ;-) . Vielleicht kann das ja ein Stück weit dazu beitragen, dass sich Halbwissen zu Vollwissen entwickelt und Unwahrheiten als solche wargenommen werden.

So, dann verarbeite ich im ersten Stichpunkt gleich mal mehrere Fragen von Findern


" Ein Jungvogel der auf dem Boden sitzt und schreit braucht meine Hilfe"

Generell muss man unterschieden zwischen Nestlingen (noch nicht voll befiederte Jungvögel) und Ästlingen (voll befiederte/flügge Jungvögel). Ein Nestling der auf dem Boden sitzt ist tatsächlich ungewöhnlich und hat so nicht viel Überlebenschancen. Zum einen weil er leichte Beute für Räuber ist, zum anderen weil er nicht voll befiedert, seine Körpertemperatur nicht aufrecht halten kann und die Gefahr des Erfrierens besteht. Wenn man der Natur nicht freien lauf lassen will, und das Tier retten denn möchte, so ist es das sinnvollste, das Nest ausfindig zu machen und das Tier zurück zu setzen. Sollte das nicht möglich sein, dann sollte man in einer Aufzuchtstation (oder auch Feuerwehr, die haben auch einen Tierrettungswagen und wissen eventuell Adressen) anrufen und die weiter Vorgehensweise abklären und das Tier möglichst bald an eine professionelle Auszuchtstation abgeben.
Wenn man aber einen Ästling vor sich hat, besteht die sinnvollste und effektivste Hilfe darin, den Jungen in der Nähe des Fundortes (oder des Nestes so bekannt) vom Boden weg ein bisschen erhöht in einen Baum oder eine Hecke zu setzen. Flügge Jungtiere müssen das Fliegen erst üben, und können es verständlicher Weise nicht beim ersten Ausflug perfekt und landen dann auch auf dem Boden und brauchen erst mal wieder ein bisschen erholung bis sie wieder druchstarten können. Ästlinge werden aber im Normalfall von den Altvögeln weitergefüttert. Sie halten Kontakt mit ihren Eltern indem sie laute akustische Signale von sich geben (in der Regel jämmerliches Piepsen) Das ist daher kein Grund zur Beunruhigung und völlig normal. Wenn man sicher gehen will, kann man aus einiger Entfernung eine Weile (also ruhig 1-2 Stunden bei Singvögeln) beobachten, ob das Jungtier weiter gefüttert wird. Dabei sollte man aber unbedingt darauf achten, nicht zu nah am Jungvogel dran zu sein. Meiseneltern zum Beispiel können sehr Mißtrauisch sein und reagieren teils empfindlich auf Änderungen oder Störungen im Jungtierumfeld und füttern dann nicht. Rabenvögel können auch gegen Personen hinter Fentsern Mißtrauisch reagieren sofern sie das nicht gewohnt sind.
Findet man einen einzelnen, jungen Nestflüchter ( zum Beispiel, Entenküken, Fasanenküken, Gänseküken) kann man schauen, ob man eventuell die Mutter mit den anderen Jungen in der Nähe findet und man den Einzelgänger wieder zu ihr schleußen kann, ohne Gefahr zu laufen sie zu sehr aufzuscheuchen. Ansonsten hat ein alleingelassener Nestflüchter wenig Chancen und müsste eventuell auch in eine Auffangstation gebracht werden.
Aber generell, sofern man es denn mit sich vereinbaren kann und nicht offensichtlich der Mensch an der Misslage des Tieres Schuld ist, rate ich gerne dazu, der natürlichen Auslese ihren Lauf zu lassen (sofern das sinnvoll ist...an einer vielbefahrenen Straße zum Beipiel ist die Chance höher, dass ein auto das Tier erwischt als ein Fuchs. Das hat dann wenig Sinn für die Natur). Schließlich können andere Tiere auf eben solche "Pechvögel" angewiesen sein um wiederum ihre Jungen aufzuziehen...


bis zum nächsten Mal
aj
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Beitragvon atrox » 16.06.2006, 03:03

hallo zusammen!

Noch ein Märchen..

"Wenn ich ein Jungtier angefasst habe, kann ich es nicht mehr zurücksetzten, weil die Mutter es wegen dem menschlichen Geruch nicht mehr annehmen würde"

Grundsätzlich falsch mit einigen Ausnahmen. Fangen wir bei den Vögeln an. Dort ist dieses These völliger Humbug, denn die meisten Vögel können nicht riechen! Dazu zählen auch unsere typischen Gartenvögel wie Amseln und andere Drosseln, Meisen, Stare oder Spatzen usw. Also wenn man nicht gerade einen Sturmvogel findet braucht man sich über den menschlichen Geruch nicht zu sorgen.
Bei Säugetieren sieht die Lage etwas anders aus. Die können sehr wohl riechen, viele sogar besser als der Mensch. Trotzdem zieht das Argument des menschlichen Geruchs nicht. Denn erwiesener Maßen ist der Mutterinstinkt in den meisten Fällen wesentlich stärker als die Angst vorm Menschen! Natürlich sollte man unötigen Kontakt mit einem Jungtier vermeiden weil es immer Stress für das Jungtier und auch die Mutter ist. Ist es nun aber doch einmal nötig oder passiert, so sollte man das Tier einfach wieder an die Stelle zurücksetzen wo man es gefunden hat. Um die Chancen der Wiederannahme noch weiter zu erhöhen, kann man das Jungtier vorsichtig mit Gras abreiben und dann zurücksetzen. Oft werden sie auch noch nach Stunden oder gar Tagen angenommen. Es ist sogar vorgekommen dass eine Ricke ihr Kitz nach 3 Tagen wieder annahm. Aber natürlich stehen die Chancen höher wenn man schnell handelt. Auch kann zusätzlicher Stress wie in der Nähe herumlungern, einschneidende Veränderung der Umgebung oder Lärm sich sehr negativ auswirken und dann zusätzlich zum Menschengeruch dazu führen, dass die Mutter ihr Junges nicht mehr aufsucht.
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Beitragvon Schatzele » 16.06.2006, 05:22

Hallo, liebe Atrox
Wirklich toll, Deine interessanten Berichte und jetzt auch dieses "aufräumen und erklären" von Ammenmärchen beim Tierschutz.
Ich finde es super, dass Du Dir diese Mühe machst und hoffe, daß es recht viele lesen.
Ein herzliches :thanks: und ein Grüssle vom Schatzele
Die Treppen dieser Welt haben die gleichen Stufen: von Mensch zu Mensch
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