Die auffälligste Alterserscheinung, die mir in diesem Beitrag begegnet ist die Neigung, sich über
Krankheiten zu unterhalten. Bislang war ich der Auffassung, dass man erst jenseits der 60 in der Lage ist, eine Zugfahrt von Frankfurt nach Bremerhaven mit einer Unterhaltung über Prostata und "Nachts-Rausmüssen" zu bestreiten.
Ich halte derartige Diskussionen für überflüssig. Ob du im Alter an Alzheimer oder Parkinson leidest ist nämlich Wurscht: entweder verschüttest du dein Bier oder du hast vergessen, wo du es hingestellt hast. Unter'm Strich komt das Gleiche dabei heraus.
Außerdem ist Alter relativ. In der Disco zum Beispiel: Dort habe ich mich vor einigen Jahren mit zarten 28 Lenzen hinbegeben in der - wie sich herausstellen sollte - irrigen Annahme, dass sei noch etwas für mich. Es begab sich, dass ich von einem jungen Mann angesprochen und zu einem Getränk eingeladen wurde. Bis hier hin alles easy. Es entspann sich einer jenen unsäglichen Dialoge der Art " Und was machst du so ... ?" und dabei muss ich wohl irgendetwas gesagt haben, was den jungen Kerl irritiert hat ( erwähnte ich meine Diplomarbeit ? mein Kind ? habe ich geoutet, dass ich einen Führerschein besitze ? - ich weiß es nicht mehr ). Jedenfalls sah er sich genötigt zu fragen: " Wie alt bist du denn ?" und als ich antwortete " 28 " entfuhr ihm ein leidenschaftliches "Oh Gott !". Ich war total perplex und das wurde auch nicht besser, als er die Situation zu retten versuchte und bemüht charmant hinterherschob: " Da hast du dich aber verdammt gut gehalten !" Volle Breitseite - nochmal gefühlte 5 Jahre drauf !
HALLOOOO ?!!
Solche Sprüche gehören an den Kaffeetisch, nicht an eine Bar ! So etwas kann man sagen, wenn Oma Pasulke von ihrem künstlichen Hüftgelenk erzählt ( "
10 Jahre ham'se dat schon ?! Dat hat sich aber verdammt gut gehalten ... !" ) Und das beim Flirtversuch eines 21-jährigen ... schon traurig !
Noch schlimmer wird es allerdings in der Kombination Ü30 und Mutter. Da stammst du für die Teenie - Umwelt von einem anderen Planeten und es mag sich niemand mehr vorstellen, was du gemacht haben mußt, um überhaupt ein Kind in die Welt setzen zu können. (
*kicher * Iiiiiihhhh ... !!! )
Unvergesslich einer der ersten Elternabende auf Saras neuer Schule. Sie wurde anschliessend von einem Mitschüler gefragt: "Wer war denn die Rothaarige, mit der du da 'rausgegangen bist ?!" "Das ist meine Mutter !" "Deine Mutter ?! Aber die sieht doch richtig gut aus ... !"
Was soll mir das sagen ? Mütter haben keine roten Haare und können unmöglich gut aussehen. In dem Alter ... oder wie jetzt ?
In der vergangenen Woche wurde meine Identitätskrise auf die Spitze getrieben. Vergleichbares Szenario: Elternsprechtag in der Schule, ich werde von einem Mitschüler auf dem Flur erblickt. "Wer ist das ?", "Meine Mutter !", Antwort: "Die sieht nicht aus wie eine Mutter !"
Die Antwort auf die Frage, was ich denn wohl sein könnte, ist mir mein 15-jähriges Gegenüber bis heute schuldig geblieben. Eine ganz eigene Spezies vermutlich und ich bin die Einzige meiner Art, dazu verdammt, unter lauter Teens, die noch keine Haare am Sack aber eine große Klappe haben umherzuirren, auf der Suche nach einem Platz in dieser Welt. Mitmachen darf ich zwar nicht mehr, aber immerhin bin ich ja noch da.
Ich hab's mal als Kompliment genommen und trotzdem fange ich schon an, Anekdoten aus meinem Leben zu erzählen, auch so eine Alterserscheinung ...
Man kann alles schreiben, was man denkt. Man muss es nur so formulieren, daß keiner weiß, was man eigentlich meint.
(Dieter Hallervorden)