von Thork » 18.08.2009, 14:23
Heute moechte ich euch eine Anekdote erzaehlen, die sich zutrug, waehrend ich am CERN war.
Wie ihr ja wisst, war ich bei einer deutschen Universitaet angestellt und wurde von dieser in regelmaessigen Abstaenden, etwa alle zwei Monate, auf Dienstreise zum CERN geschickt, die jeweils etwa zwei Monate dauerte. Das ist ein netter Trick, den die Universitaeten spielen, damit sie ihre Billiglohn-Sklaven, also Leute wie ich, etwas besser ausnutzen koennen. Was mag der gute Doc damit wohl meinen?
Wenn man sich mal das deutsche Reisekostengesetz etwas genauer ansieht, wird man relativ schnell feststellen (so man etwas aktive Gehirnmasse mitbringt), dass es nicht erlaubt ist, Dienstreisen zu unternehmen, die laenger als sechs Monate waehren. Wenn ein laengerer Aufenthalt im Ausland, und entgegen landlaeufiger Meinung ist die Schweiz genau dieses, von Dienst wegen angestrebt wird, so ist der Dienstherr, also die Uni, dazu verpflichtet, den Reisenden zu 'entsenden'. Das ist ein von der normalen Dienstreise zu unterscheidender Mechanismus, da zum einen der Personalrat dagegen Einspruch erheben kann (aber Wissenschaftler lassen sich fuer gewoehnlich nicht vom Personalrat vertreten), zum anderen hat das Auswirkungen finanzieller Art. Da in diesem Falle der Dienstort nicht mehr die Uni ist, sondern der Ort, zu dem man entsandt wird, kann man von der Uni fordern, den Umzug zu zahlen. Wenn man seinen Lebensmittelpunkt (in Deutschland ist das ein rechtlicher Ausdruck) zuhause hat, kann man regelmaessige Familienheimfahrten bezahlen lassen, und so weiter. Wie ihr seht, ist das aus Sicht der Uni nicht besonders erstrebenswert.
Da man aber den lieben Doc doch ganz gern am CERN haben wollte, 'um Praesenz des Institus zu zeigen', musste ich also alle zwei Monate eine neue Dienstreise beantragen und abrechnen. Eigentlich haette ich wahrscheinlich per Tankquittung einer deutschen Raststaette zeigen muessen, dass ich zwischenzeitlich wirklich in Deutschland war. Da die Pauschale, die ich bezog, allerdings solche Fahrten bis nach Basel nicht beinhaltete, sah ich keinen Grund, Zeit, Sprit und Nerven dafuer zu investieren. Ebenso wie Ago im Zusammenhang mit seinem Motarrad, hatte ich mich dummerweise der Hoffnung hingegeben, und glaubte, selbst wenn das irgendwie auffloege, wuerde die Uni hinter mir stehen. Das tat sie tatsaechlich, nur war mir nicht klar, wie weit...
Hier ist die Idee: Da ich ja ueber den Arbeitgeber auf der Dienstreise versichert bin und immer schone meine Krankenkasse bezahle, kann mir also nichts passieren.
Hier ist die Realitaet:
Wie ihr ja schon wisst, lag ich binnen kurzer Zeit mit Rueckenschmerzen darnieder. Nachdem das schon das zweite Mal war, und ich mich wirklich nicht bewegen konnte, entschloss ich mich schweren Herzens, mich den schweizer Aerzten anzuvertrauen. Und das ist noch der gute Teil der Geschichte. Ich bekam meine Medikamente (Und was fuer welche. Mit den Schmerzmitteln kannst du fliiiegen...), bekam ein Rezept fuer ostheopathische Behandlungen (das ist ein Physiotherapeut, nur besser) und nach dem ganzen Tammtamm ging's mir denn auch besser.
Wenn die Schmerzen langsam nachlassen, faengt man allerdings an sich zu ueberlegen, woher man das Geld fuer die Rechnungen zurueck bekommt. Also flugs bei der Uni angerufen und gefragt. Und damit ging's los. Zuerst verhandelte ich mit einem Menschen aus dem Dezernat fuer Personal. Nachdem er auf meine unschuldige Frage erstmal wochenlang nicht reagierte, bekam ich ihn nach einschalten meines Chefs dazu, sich mit einem Sachbearbeiter der DAK zu unterhalten, waehrend ich mich selbst mit meiner TKK unterhielt. Es kam, wie es kommen musste: DAK sagt 'Uni muss nix zahlen', TKK sagt 'Uni muss zahlen'. Unentschieden. Das ging so ein paar Wochen hin und her, bis ich genug davon hatte und die Rechnungen der TKK sandte.
Hier muss man dazu sagen, der Unterschied ist: Wenn die Rechnungen an die Uni gehen, erstattet diese mir meine vollen Auslagen und holt sich das Geld von der Krankenkasse zurueck. Wenn ich die Rechnungen selbst an die Krankenkasse schicke, bekommen ich was ich in Deutschland bekommen haette (etwas weniger als in der Schweiz), und gut iss.
Nun ja, leider hatte die TKK inzwischen verstanden, dass ich auf Dienstreise war und interpretierte das Sozialgesetz so, dass doch die Uni die Rechnungen weiterleiten muss. Also schickten sie mir meine schoenen Rechnungen postwendend zurueck, was mich beinahe wegen eines akuten Anfalls von Mordlust in den Knast gebracht haette...
Also schicke ich die Rechnungen (im Original versteht sich) an die Uni und schicke eine Mail hinterher (an alle plus meinen Chef), dass sie unterwegs seien. Bekomme sogar eine Antwort, in der steht, dass mein Sachbearbeiter jetzt erstmal fuer vier Wochen in Kur geht, sich danach aber ohne Aufforderung darum kuemmert.
Vier Wochen spaeter...
Sechs Wochen spaeter: Nachdem ich nochmal nachgefragt habe, worauf ich an die vier Wochen Abwesenheit erinnert werde, stellt sich heraus, dass meine Rechnungen nicht aufzufinden sind (erneut setzt die BILD schon einen Artikel ueber Amoklaeufer am CERN, der nur mit knapper Not zurueckgehalten wird). Also faxe ich die Kopien, die ich mir vorher von zuhause (Deutschland) habe schicken lassen, an die Uni und bekomme wieder eine Empfangsbestaetigung. Das war vor gut drei Monaten.
Irgendwann danach kommt eine Mail, dass der Vorgang an das Dezernat fuer 'Tarif- und sonstige Beschaeftigte' gegeben wurde, die sich umgehend daruem kuemmern.
Gestern frage ich nach, werde von einer voellig neuen Sachbearbeiterin auf die Urlaubszeit hingewiesen, die mich gleichzeitig bittet, doch eine Kostenaufstellung zu machen, um die Bearbeitung zu beschleunigen. Ich gehe also meine Kopien der Rechnungen durch und schicke ihr die Daten, die natuerlich gross auf den Rechnungen stehen nochmal zu. Mal sehen, was jetzt passiert.
Fuer alle, die inzwischen den Ueberblick ueber den zeitlichen Ablauf der Geschichte verloren haben, hier nochmal die Eckdaten:
1. Krankenhausbesuch: Juli 2008
1. Anruf Uni: August 2008
letzte Zusicherung, dass alles gut wird: August 2009!
Nachricht, dass mein Brief mit den Rechnungenn zurueckgekommen ist, weil Empfaenger nicht ermittelt werden konnte: heute (etwa 6 Monate nach entsenden des Briefes)
Jetzt werdet ihr sicherlich fragen: Was will uns der Autor damit sagen?
Antwort: Niemals darauf verlassen, dass irgendwer dem Muellman hilft!
Irgendwas ist ja immer...