von Agnostiker » 12.08.2009, 15:07
Na da staun ich aber. Der Losti visitiert Wien? Was ist euch denn da eingefallen?
Von allen Städten dieser Welt kommt ihr nach Wien? War das mangels Alternativen? Hättet ihr euch nicht andere, schönere Städte ansehen können? Johannisburg bei Nacht und mit Geldbündel winkend zum Beispiel? Kommt mir ungleich sicherer vor. Gleiches gilt sicher auch für Bagdad (hier jedoch mit "Stars and Stripes" winkend). Dort herrscht eine Bombenstimmung. Oder Teheran als Demonstrant. Das ist Erlebnisurlaub der ganz besonderen Art. Mexico City und dessen Slums, wohl architektonisch und planungstechnisch den Wienern um Lichtjahre voraus.
Aber nein, ihr entscheidet euch für Wien. Mir soll es recht sein. Versuchen wir also was anständiges über Wien zu sagen.
Ein ganz bekannter Werbespruch lautet: Wien ist anders
Niemals zuvor hat ein Slogan so wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge gepasst, wie es dieser tut. Wien ist tatsächlich anders. Man könnte "ANDERS" wohl sicher auch als "schizophren, abnormal oder destruktv" übersetzen, doch, und das wird dich vielleicht nach dieser Einleitung wundern, Wien hat einen ganz besonderen Charme. Kratzt man mal den ganzen Schmutz und Dreck von der Oberfläche weg, zieht die zwangsläufig überall präsenten Touristen (jaja, da gehört ihr nun auch bald dazu) ab und klammert einen Teil der Wiener ganz einfach aus seiner Realität aus, so bleibt eine durchaus liebenswerte Stadt mit netten Einwohnern übrig.
Das hier vielleicht noch am Rande: Ich würde mir, wenn ich vor der Entscheidung stünde, wohl eher die Haut in Streifen vom Rücken schneiden lassen, als in eine Wiener Gemeindewohnung einzuziehen. Da ihr aber wohl eher nicht vor dieser Alternative stehen dürftet, brauchst du dir keinerlei Gedanken machen.
Wie ich sehe habt ihr euch eine Menge Touristentreffs für eure Wientour ausgesucht. Dort werdet ihr Horden von Asiaten treffen. Doch macht euch keine Sorgen. Der Busfahrer ist nicht falsch abgebogen und hat die Ausfahrt nach Tokio erwischt, nein, ihr seid immer noch in Wien.
Steffl:
Reduziert man es auf das Wesentliche, so ist der Steffl nix anderes als eine Kirche. Zugegeben eine sehr große um nicht zu sagen imposante, aber doch nur eine, eh schon wissen, Kirche. Nur sollte man nicht so an die ganze Sache herangehen.
Denn der Steffl ist unter anderem auch das Tor zur Wiener Unterwelt. In den Katakomben wurden bis zur Sperre des Friedhofsdomes über 11000 Menschen beerdigt, was an sich eine recht beeindruckende Zahl ist. Ein kleiner Exkurs in die Unterwelt ist daher zu empfehlen. Denn näher kommst du Orson Welles in "Der dritte Mann" leider in Wien nicht mehr. Und wenn du ein wenig leise bist und die Augen zumachst, dann kannst du vielleicht auch die Zither von Anton Karras hören.
Weiters ist der Dom bautechnisch durchaus interessant. So steht der Südturm mit seinen 135 Metern vollkommen allein und ohne Anbindung am Dom mit einem nur knapp 5 Meter tiefen Fundament da. Dafür haben die damaligen Dombaumeister keine Stützstreben und sonstige Schummeleien benötigt, wie es beispielsweise der kölner Dom braucht.
Überhaupt hat das gotische Bauwerk einen ganz besonderen Stellenwert unter den großen Kirchen dieser Welt. Einige Steine der Kirche kommen aus römischer Zeit und wurden vermutlich aus alten Bauten herausgebrochen. Das ist nun an sich keine Seltenheit, aber, wenn du ganz genau schaust, findest du am und im Steffl eine ganze Reihe von römischen Halb und Schutzgöttern, was sehr wohl eher als selten zu bezeichnen ist. So findet man beispielsweise auch Fruchtbarkeitssymbole wie Phallus und Vulva, für eine röm.kath. Kirche wohl eine Einzigartigkeit.
Oder das an der Außenwand eingravierte O5. Das ist ein Zeichen des Widerstandes gegen die Nationalsozialisten. Den gab es in Österreich bereits seit 1938. Er setzte sich, und das ist das Erstauliche, aus Kommunisten, Monarchisten, Sozialdemokraten und dem bürgerlichen Lager zusammen. Erstaulich deshalb, weil sich Sozialdemokraten und Republikaner beim Februaraufstand 1934 bewaffnet bekämpft haben, was bis Ende des kurzen Bürgerkrieges beinahe 2000 Menschenleben forderte. Diese beiden Gruppen bekämpften zusammen nur 4 Jahre später die Nationalsozialisten. Einer von ihnen hat dann irgendwann am Steffl das O5 hinterlassen um anderen Widerständlern zu zeigen, dass sie nicht allein sind.
Die "5" steht übrigens für den fünften Buchstaben im Alphabet, also für das "E". Zusammen "OE" für den ersten Buchstaben im Staatsnamen ÖSTERREICH.
Aber genau davon lebt der Steffl. Es sind die Kleinigkeiten die man erst sieht, wenn man sich dem Dom von einer ganz anderen Seite her nähert.
Was du dir da genauer ansehen solltest kann ich dir also gar nicht sagen. Weil hinter der Fasade des Touristenmagneten viel mehr steckt, als die Meisten glauben.
Hofburg:
Wie Kinski bereits andeutete, die Hofburg ist der Sitz des Bundespräsidenten. Du findest die Hofburg direkt an der Ringstraße, wo viele k.u.k. Gebäude aneinander gebaut sind. Früher haben, bis 1918, die Kaiser des heiligen römischen Reiches und Österreich gehaust. Hier konzetriert sich der wahrscheinlich größte Prunk eurer Tour durch Wien. Da findest du unter anderem auch den Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek. Hier wirst du dann jene deiner Gruppe erkennen, die Bibliophil sind. Die sind in diesen Räumen zumeist hochgradig sexuell erregt. In der Hofburg findest du auch die spanische Hofreitschule, die Schatzkammer mit den Insignien der Habsburger-Macht (auch wenn die heute nicht mehr viel wert ist), das Burgundische Erbe, der Orden vom Goldenen Vlies und den Habsburg-Lothringischen Hausschatz. Liegt eine ganze Menge Kohle hier rum, kannst mir glauben. Weiters das Sisi-Museum mit der Silber und Porzelankammer (darüber möchte ich kein Wort verlieren) und die Kaiserapartements.
Vor der Hofburg ist der sogenannte "Heldenplatz". Dieser ist mit dem "Ballhausplatz" verbunden, welcher direkt ins Bundeskanzleramt führt. Der derzeitige heißt FAYMANN und ist Sozialdemorat. (Das aber nur am Rande.)
Wenn man es ganz genau nimmt, dann sollte der Heldenplatz eigentlich "Verliererplatz" genannt werden. Denn die beiden Reiterdenkmäler erinnern an zwei Feldherren, die beide wichtige Schlachten für Österreich-Ungarn geführt und verloren haben. Interessant ist vielleicht das Reiterstandbild Erzherzog Karls. Wenn du ganz genau schaust wirst du sehen, dass die einzige Verbindung zwischen dem Standbild und dem Sockel die Hinterläufe des Pferdes sind. Das Teil ist mehr als nur genau ausgerechnet worden.
Traurige Berühmtheit hat der Heldenplatz 1938 erhalten, weil AH auf ihm den "Anschluss" (wenn ich das schon schreiben muss stellen sich mir die Nackenhaare auf) Österreichs ausgerufen hat.
Am ganzen Komplex der Hofburg ist auch noch das Naturhistorische sowie das Kunsthistorische Museum untergebracht. Darum kann ich dir jetzt schon sagen: Egal wie lang ihr in der Hofburg sein werdet, es ist zu kurz sich auch nur einem Teil genauer zu widmen, LEIDER.
So, das war mal der erste Teil. Vielleicht folgt heute bereits der Zweite.
“Im Verlauf dieses Prozesses habe ich Klarheit darüber gewonnen, daß die Haltung eines Agnostikers nicht intelligent ist.”
(Dr. Murad Wilfried Hofmann)
