von Agnostiker » 01.10.2005, 07:51
Mein liebes Tagebuch
Noch bevor ich über den Mittwoch berichte, möchte ich noch einen Nachtrag zu meiner ersten Nacht nach der OP, also Dienstag, machen.
In einem Klinikzimmer liegen vier Personen eines Geschlechts (gemischte Zimmer gibts leider nicht), die mehr oder weniger miteinander kommunizieren. In unserem Zimmer war sehr bald eine Gesprächsgrundlage vorhanden, die auch bis spät in die Nacht nicht abriss.
Was ich meine ist, dass meine Zimmergenossen ihre Klappen auch zu nachtschlafender Zeit nicht halten konnten.
Kurz, sie schnarchten.
Unter diesen Voraussetzungen war eine Nachtruhe für mich nicht gegeben, was meine Stimmung nicht gerade zu heben imstande war.
Noch dazu flog bereits um 6 Uhr die Zimmertür auf, eine Schwester trat ein und verteilte Fieberthermometer. Was ihr dabei das Leben rettete war, dass sie auch Gehilfen (Krücken) für mich mitführte.
Ich bekam damit den ärztlichen Segen zum Aufstehen. Mein erster Weg führte mich, wie soll es auch anders sein, ins Raucherzimmer.
Da ich zu diesem Zeitpunkt aufstehen durfte, war der Deal mit meinem Bettnachbarn, Essen gegen Rollstuhl, geplatzt.
Hierzu eine kleine Erklärung. Mein Zimmergenosse, nennen wir ihn Schwabbel, brachte mehr als 160 kg auf die Waage. Dies dürften die Ärzte zum Anlass genommen haben, den Mann auf 1000 kal zu setzen. Seine Familie ihrerseits schien das nicht weiter zu stören. Sie brachten zu jedem Besuch Berge von Süßigkeiten und Backwerk mit, was eine erfolgreiche Gewichtsreduktion durch die Diät zunichte machte.
Obgleich aber Schwabbel in seinem Nachtschrank mehr Brennwerte bunkerte als ein afrikanischer Zwergstaat für seine Bevölkerung aufbringen konnte, starrte Schwabbel immer mit sehnsüchtigen Blick auf meinen Teller. Doch wie gesagt, Deal geplatzt.
Sein Frühstück bestand aus einer Scheibe Schwarzbrot und ungezuckerten Tee, meins aus Kaffee, zwei Semmerl, Butter, Marmelade und einem Orangensaft.
Gegen 11 Uhr kam dann die Visite, von der ich mir eine genaue Beschreibung der geleisteten Arbeiten ab meinem Knie erhoffte. Was ich jedoch zu hören bekam war ein lapidares: "Dazu kann ich nichts sagen, ich war bei der OP nicht dabei."
Auf meine Frage, warum ich dann von genau dem Arzt untersucht werde der keine Ahnung von meiner Verletzung hat wurde mir gesagt, dass der Operateur bereits den nächsten Patienten am Tisch liegen hat.
Das beantwortete jedoch nicht meine Frage, darum hakte ich nach.
Meine Fragerei schien den Arzt, einen Oberarzt, auf die Nerven zu fallen. Denn schroff erklärte er mir: "Sie können mir schon glauben, dass ich genug Ahnung von dem habe, was ich hier mache."
"Nö, dass glaub ich ihnen jetzt aber nicht." Auf diese meine Aussage hin ließ die Schwester vor Schreck meine Krankenakte fallen.
"Wie bitte?", fragte Herr Oberarzt nach.
"Mir wurde bei jeder Untersuchung erklärt, dass man erst genaueres über die OP sagen kann wenn man das Knie geöffnet hat. Da sie jedoch bei der OP nicht dabei waren können sie auch keine Ahnung haben, was bei mir alles gemacht wurde."
Diese Aussage schien dem Herrn Oberarzt nicht so richtig zu gefallen, denn er drehte sich um und forderte bei einem Assiarzt die OP Unterlagen an. Danach würdigte er mich keines weiteren Blickes und wand sich dem nächsten Patienten zu. (Unnötig zu sagen, dass ich den Herrn Oberarzt die restliche Zeit meines Aufenthalts nicht mehr zu Gesicht bekam.)
Kurz nachdem die Visite den Raum verließ kam auch schon das Mittagessen. Gerade als ich nachsehen wollte, was es denn heute leckeres gibt, flog die Tür schon wieder auf, ein Pfleger kam herein und forderte mich auf sofort zum Röntgen mitzukommen. (Ich konnte ganz klar das Aufflackern der Hoffnung in Schwabbels Augen sehen.)
"Erst nach dem Essen." (Glitzerte da jetzt nicht eine dicke Träne in meines Zimmergenossen Augen?)
"Dann müssen sie aber warten, bis sie dran sind. Das kann aber sicher eine Stunde dauern."
"Eine Stunde? So lange muss ich warten? Ich weiß nicht, ob ich hier im Spital so lang Zeit habe. Ich muss doch ganz dringend zum Präsidenten, der will mir nämlich den Bundesverdienstorden für meine Geduld verleihen."
Kurzes Nachdenken meines Gegenübers. Danach viel die Tür wieder ins Schloss. (Niemand schien hier gewohnt zu sein, dass ein Patient seinen eigenen Willen zum Ausdruck bringt.)
So gegen 16 Uhr, wieder auf dem Zimmer, geschah etwas, das mein Weltbild vollkommen ins Wanken geraten hat lassen.
Das erste Mal seit langer Zeit hatte ich keine spontane Antwort auf eine entwaffnende Aussage parat.
Eine junge Lernschwester (violettes Namenschild) verteilte Thrombosespritzen und sagte dabei zu mir, dass ich wohl der Frechdachs sei, der seine Klappe nicht halten kann.
Ich war total perplex. Mein Mund klappte auf, mein Gehirn kommte das Gehörte nicht so richtig verarbeiten, das ganze Zimmer begann zu lachen, meine Ohren wurden heiß und nebenbei wurde ich auch noch ROT.
Das hat gesessen Treffer Mitschiffs.
Unnötig zu erwähnen, dass ich dies nicht so auf mir sitzen lassen konnte. Als das junge Mädchen (vielleicht 17) die leeren Spritzen abholen kam, fragte ich sie ganz unschuldig, ob sie auch lesen könne.
"Natürlich", gab sie zur Antwort.
"Na dann", meinte ich "schauen sie bitte mal unter meine Decke, was da für sie steht."
Ihr werdet es nicht glauben, sie trat tatsächlich auf mich zu und wollte meine Decke anheben. Im letzten Moment kam ihr doch noch die Erkenntnis, was ich eigentlich gesagt hatte. Nun hatte ich die Lacher auf meiner Seite, und das junge Mädchen wurde ihrerseits rot. Mein unschuldiger Gesichtsausdruck tat das übrige dazu, dass die Lernschwester fluchtartig unser Zimmer verließ.
Auch sie hab ich nie wieder gesehen. (Warum nur.)
Das wars eigentlich von meinem Krankenhausaufenthalt.
Am nächsten Tag wurde ich bereits entlassen. Ach ja, ich hab immer noch keine Ahnung was tatsächlich mit mir im Op Saal gemacht wurde.
Mal sehen, ob ich bei der Nachbehandlung eine erschöpfende Auskunft erhalte.
“Im Verlauf dieses Prozesses habe ich Klarheit darüber gewonnen, daß die Haltung eines Agnostikers nicht intelligent ist.”
(Dr. Murad Wilfried Hofmann)
